Serranu aus Monti: Vinitaly in Verona krönt sardischen IGT zum besten Rotwein Italiens 2019

Schmecken, nicht trinken auf Kommando: die Gaumenriege, die in Verona bei Vinitaly über Gedeih und Verderb der neuen Weine 2019 entscheidet. Foto: Vinitaly

Es ist eine Überraschung, die eigentlich keine richtige mehr ist: Ein Sarde, besser gesagt ein IGT aus der Provinz Sassari, ist bei der gerade begonnenen wichtigsten internationalen Weinmesse Vinitaly in Verona von dem Weinführer “5StarWines” als bester Rotwein Italiens des Jahres 2019 gekürt worden, wie das Portal Sardiniapost berichtet.

Prämiert wurde der Serranu des Jahrgangs 2015, ein Isola dei Nuraghi, den die Kellerei Tani di Monti in der Provinz Sassari kreiert. Der rubinrote Tropfen mit Granatreflexen und weichen Tanninen hat die Prüfer 95 von 100 möglichen Punkten spendieren lassen.

Warum das keine Überraschung ist? Dafür gibt es mindestens zwei gute Gründe.

Grund 1: Sardiniens Weinmarkt ist zwar inzwischen spudoratamente caro, unverschämt überteuert, wie so vieles auf der Insel, die vor nicht mal 100 Jahren vor allem aus bettelarmen Schäfern bestand. (Wen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Preis und Geschmack stimuliert, der möge auf die Top 10 der Rot- und Weißweine einen Blick werfen, die Sardinien Intim empfiehlt)

Aber abgesehen von der Tatsache, dass die Überteuerung der Weinpreise auch für andere Gegenden Italiens gilt, gibt kaum eine andere unter den 20 italienischen Regionen, in denen die Zahl qualitativ herausragender Weine so stark wächst wie in Sardinien.

Grund 2: Wer den sardischen Weinmarkt beobachtet hat in den letzten Jahrzehnten (salute!), weiß, dass er seine Stärke ganz besonders aus dem Gütesiegel IGT schöpft. IGT steht für Indicazione Geografica Tipica, die dem deutschen Landwein oder dem französischen Vin de Pays entspricht. Und damit der zweitniedrigsten Qualitätsstufe über den Tafelweinen, unter dessem Etikett sich so gut wie alles verhökern lässt.

Länger als anderswo sonst haben sich die sardischen Winzer dagegen gewehrt, fremde Technologien in ihre Katakomben zu lassen. Sie schworen wie die bäuerlichen Selbsterzeuger auf ihr Wissen, das sie hatten, ohne fremde Ratschläge von außen zu akzeptieren. Was im Fall der Selbsterzeuger Weine hervorbrachte, die mehr Essig denn Wein ähnelten – und folglich eiskalt getrunken wurden, da nur so ohne unmittelbaren Schock genießbar. Die Sitte ist heute noch weit verbreitet und nur zum Teil der Tatsache geschuldet, dass angebrochener Rotwein sich bei den wüstenähnlichen Sommertemperaturen hier natürlich wesentlich kürzer hält, wird er nicht künstlich gekühlt.

Ein weiterer Vorteil, der diese antiquierten Methoden so lange konservierte, war, dass die Selbsterzeuger den Wein oft mit sehr altem oder gar durch Maden zusätzlich fermentierten Käse (in der Regel pecorino – Schafskäse, der in der Madenvariante casu marzu, verdorbener Käse, genannt wird ) zu sich nahmen. Nach dem Genuss dieses Käses, der nach italienischem Lebensmittelgesetz verboten ist und trotzdem als Delikatesse gilt, schmeichelt saurer Wein dem Gaumen geradezu.

Doch während der essigähnliche Rotwein neben dem verbotenen Käse in oft fensterlosen Küchen sardischer Bauernhäuser noch immer sein markantes Dasein fristet, hat sich die Welt der Winzer in Sardinien längst emanzipiert. Moderne Methoden haben Einzug gehalten in die alten Weinkeller, aus weniger Sturköpfigkeit wurde mehr Erfolg, ohne die Traditionen zu verraten. Zum Teil sind auch sehr moderne, absolut avangardistische Kellereien entstanden – wie zum Beispiel Mesa in Sant’Anna Arresi.

Und der IGT – der hat daran einen ganz besonderen Anteil. Denn obwohl er als minderwertig gilt, weil “nur” mindestens 85 Prozent der Trauben (und nicht 100 wie bei DOC oder DOCG) aus der angegebenen lokalen geographischen Gegend stammen dürfen, hat der Verschnitt mehrer sardischer Trauben den sardischen Weinen nicht nur zu einem Qualitätssprung in den letzten Jahren geholfen. Sondern er hat vergorene Rebsäfte hervorgebracht, die charakterlich zu 100 Prozent wie die Sarden selbst einzigartig und stark sind, jedoch nicht nur den casu marzu essenden Sarden selbst schmecken, sondern auch einem wesentlich breiteren Publikum.

Berühmtestes Beispiel für einen sensationellen IGT ist der Turriga von Argiolas, dessen verschiedene Trauben auf den kalkhaltigen Lehmböden zwischen 200 und 300 Metern Höhe um Serdiana herum bei Cagliari wachsen. Erschaffen wurde dieser umwerfernde, kraftvolle und trotzdem leicht abgehende Rote vom leider sterblichen italienischen Weingott Giaccomo Tachis († 2016), der als der Vater nicht nur der sardischen, sondern italienischen Weinrenaissance gilt.

Abgesehen von Cabernet Sauvignon, die auch in Sardinien immer wieder gern verschnitten wird, jedoch nicht ursprünglich von der Insel stammt, werden in den roten sardischen Cuvées ansonsten nur autochtone Trauben verwandt – wie Cannonau, Bovale, Syrah, Carignano oder Monica. Sie sind berühmt für den hohen Anteil an Anti-Okzidantien, denen auch nichtsardische Gerontologen einen lebensverlängernde Wirkung zuschreiben.

Und das dürfte auch für den Serranu gelten, der jetzt in Verona zu Italiens bestem neuen Rotwein gekrönt worde.

In diesem Sinne: A kent’annos, auf hundert Jahre, wir der Sarde beim Anstoßen sagt.

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