Johannis-Tag, 23. Juni: Reportage über weiße Magie in Sardinien, wo selbst Ärzte sich heimlich von Hexen heilen lassen

Zia Angela, eine sardische Hexe, bei ihrem Ritus, den Bösen Blick zu vertreiben. Foto © Ulf Lüdeke

Die Heilung des Bösen Blicks im Sardinien der 60er-Jahre. An den Riten hat sich bis heute nichts geändert.                           Foto: S. Imparato

Wenn wilde Feigenbäume wieder ihren magisch süßen Duft verströmen und der heiße Atem des Sommers über die Küste streicht, wiederholt sich in Calasetta auf der Isola di Sant’Antioco Jahr für Jahr in der Nacht zum Johannistag (24. Juni) ein Ritual, das nirgendwo sonst auf der gesamten Mittelmeerinsel so gut beobachtet werden kann: die Initiierung von Hexenlehrlingen.

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Römisches Mosaik, ‘Haus des Bösen Blicks’, Antakya (Türkei)

Dinge, die nicht erklärbar scheinen, sind in Sardinien nichts Ungewöhnliches. Die zweitgrößte Mittelmeerinsel ist durchdrungen von Magie wie kaum eine andere Region Italiens. Im Gegensatz zu Neapel oder Sizilien aber stößt man hier selten zufällig darauf. Weder Schilder noch Telefonnummern weisen auf wenigstens eine der weit über 1000 Hexen und Heiler hin. Und das hat einen simplen Grund: Niemand nimmt hier Geld für magische Dienste, die meist Familie oder Freunden und selten Fremden gewährt werden. Das Unerklärliche, oft als Abzocke und Scharlatanerie verrufen, ist hier unauffällig Teil des Alltags.

Auf Sardinien gibt es Hunderte Hexen und Heiler, die still, zurückgezogen und völlig frei von kommerziellen Hintergedanken das tun, was sie schon immer getan haben: den anderen bei körperlichen oder seelischen Problemen zu helfen. Dass sie der Kirche ein Dorn im Auge sind, hält sie nicht davon ab, die Heiligen bei ihren geheimen Formeln um Beistand zu bitten, um Kopfschmerzen, familiäres Unglück oder selbst Hautkrankheiten zu heilen.

Methusalems Geheimnis: Die Heilkraft sardischer Pflanzen

Und zwar so sehr, dass manchmal selbst Ärzte zu treuen Patienten der bruxe werden, wie die Sarden ihre Hexen nennen. Hexen und Heiler, sagen Anthropologen wie Nando Cossu, sind für Sarden nach Tausenden Jahren totaler Isolation, die hier viel länger dauerte als in den meisten anderen Gegenden Europas, eine echte Alternative zum Arzt geblieben.

Wen das Thema interessiert, dem sei die knapp halbstündige Radioreportage “Alltag magisch – Unterwegs mit Hexen und Heilern auf Sardinien” ans Herz gelegt, die ich in Calasetta auf der Halbinsel Sant’Antioco vor einiger Zeit um einen Johannistag herum samt Hexenlehrlings-Initiierung für Deutschlandradio Kultur gemacht habe (Audio-File siehe unten).

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