Bilder einer untergegangen Epoche: Die letzte echte Mattanza des Mittelmeers

mattanza © Sardinien Intim

Die Tonarotti, wie die Thunfischer genannt werden, haben nichts vom Himingway-Klischee. Die Tonnarotti vor Sardiniens Südwestküste sind die letzten im gesamten Mittelmeer, die noch nach Phönizier-Tradition fischen.   Alle Fotos: © Ulf Lüdeke / Sardinien Intim

Carloforte, 17. Oktober 2020. So alt sind diese Schwarzweißbilder noch nicht. Doch sie haben etwas Entscheidendes gemeinsam mit der mattanza, wie die alte phönizische Art des Thunfischfangs genannt wird, die ohne Motoren auskommt und nur auf Muskelkraft und Handwerk vertraut: das Handwerk, mit dem sie entstanden, ist untergegangen.

Die Bilder sind in der Saison 2003 auf der Isola di San Pietro vor Sardiniens Südwestküste entstanden. Zu einer Zeit also, als in Sardinien noch die letzte stationäre Thunfischfanganlage in Betrieb war. Und als die Digitalfotografie noch in den Kinderschuhen steckte und die meisten Fotografen und Reporter wie ich selbst noch mit mechanischen Kameras und den phantastischen Schwarzweißfilmen arbeiteten. 3000 Negative etwa, Ilford- und Kodak-Filme zwischen 100 und 400 ASA, entwickelt in einer improvisierten Dunkelkammer auf dem Dachboden meines Wohnhauses in Carloforte, wo ich vier Jahre gelebt habe.

Zwar werden noch immer gelegentlich die riesigen Reusensysteme bei La Punta am Nordostzipfel der Isola di San Pietro zu Beginn des Frühjahrs ausgelegt. So ganz ist das Handwerk der mattanza also noch nicht verschwunden. Doch die Fangquoten des Rotflossen-Thun, dem begehrtesten aller Thunfische, sind inzwischen so stark runtergesetzt worden, dass sich der Betrieb dieses noblen Fischereihandwerks, das die Phönizier vor 2500 Jahren entwickelt haben und in Sardinien noch in den 80er-Jahren an mehreren Orten unverändert fortbestand, wirtschaftlich nicht mehr rentiert.

Doch wie sah das eigentlich aus, dieses Handwerk, und was war auf der Isola di San Pietro so besonders daran?

Sarden hatten vor dem Meer vor allem eines: Angst

Bildschirmfoto 2014-05-17 um 15.12.15 Die Sarden haben als Seefahrer nicht gerade Geschichte  geschrieben haben. Im Gegenteil: Schon die Nuraghier, die Ureinwohner Sardiniens, haben mit dem Meer vor allem eines verbunden: Angst. Denn es stand für Fremderoberungen und Unterdrückungen. Die meisten Siedlungen aus der Bronzezeit stammen fast komplett aus dem Inselinnern, wie die Nuraghen, ihre steinernen Zeugen, noch heute beweisen.

Dass sich ausgerechnet auf der Isola di San Pietro die stärkste Thunfischergemeinde bildete, ist kein Zufall. Denn die Carlofortini sind ethnologisch gesehen keine Sarden, sondern Nachfahren ligurischer Korallen- und Thunfischer, die im 16. Jahrhundert aus Pegli bei Genua nach Tunesien auswanderten sind und sich Mitte des 18.Jahrhunderts auf der Isola di San Pietro niederließen. Noch heute sprechen sie statt Sardisch hier ihren alten genuesischen Dialekt. Ihre Tracht ist ligurisch, viele haben blaue oder grüne statt schwarze Augen, sind einen Kopf größer als die Sarden. Und wenn sie nach Cagliari fahren, sagen sie: “Anemmu in Sardegna” – “wir fahren nach Sardinien”.

mattanza © Sardinien Intim (1)Seit die Phönizier vor 3000 Jahren entdeckten, dass Thunfische beim Laichzug immer die selbe Route an der Küste entlang flösseln, wird noch heute mit der selben archaischen Technik ein Teil der Tiere mit einer mehrere hundert Meter langen Netzwand, die wie ein gigantisches „T“ dicht vor der Küste liegt, abgefangen und in Richtung offenes Meer geleitet, wo sie der reusenartige Eingang eines mehrzelligen Kammersystems schluckt. In der letzten Kammer, der camera della morte, werden sie bei der mattanza mit einem Bodennetz mit reiner Muskelkraft bis kurz unter die Wasseroberfläche gehoben und ohne motorisierte Hilfe mit Haken und Seilen an Bord gehievt.

Bildschirmfoto 2014-05-17 um 15.11.58Die mattanza hat ihren Namen vom „Blutbad“ der rohen Fangmethode, die auch in Sardinien noch bis vor etwa 20 Jahren angewendet wurde. Die Tiere wurden mit Enterhaken und Harpunen auf die Transportboote gezogen, ganz so, wie es im Altertum gemacht wurde.

Die Riesenmakrele kann bis fast fünf Meter lang werden, über 600 Kilo wiegen und zählt mit einer Geschwindigkeit von mehr als 70 Stundenkilometern neben dem Blue Marlin zu den schnellsten Fischen der Weltmeere. Eine Art Maserati des Meeres also – und Traum zahlloser Sushi-Bars in Japan, die den Löwenanteil dieser Beute verschlingen. Ab 15 Euro ist das Kilo in Sardinien zu haben, 1000 Euro pro Kilo sind bei den Auktionen auf dem Tsukiji-Fischmarkt in Tokio keine Seltenheit. Im Januar 2013 wurde der bislang höchste Preis erzielt, der keine Zweifel mehr daran lässt, wie degeneriert der Sushi-Markt inzwischen ist: ein 222 Kilo schwere, tiefgefrorenes Tier kam für 1,3 Millionen Euro (Einskommadreimillionen) unter den Hammer – fast 6000 Euro pro Kilo – oder 6 Euro pro Gramm.

mattanza © Sardinien Intim (6)Seit der Sushi-Markt zum Hauptabnehmer von Thunnus thynnus wurde, wird diese brutale Fangmethode in Sardinien nicht mehr praktiziert: Die Gourmets mit den Mandelaugen wollen nicht nur das zarteste Tunfischfleich mit dem höchsten Fettanteil, sondern auch optisch unversehrte Fische. Und deshalb loben Wissenschaftler und große Umweltschutzorganisationen diese Fangmethode längst gleichermaßen als selektivste und ethisch sauberste von allen.

mattanza © Sardinien Intim (2)Doch oblgeich Meeresbiologen der Universität Cagliari seit 2007 eine leichte Erholung der Bestände und eine Zunahme des Durschnittsgewichts von 38 Kilo auf inzwischen mehr als 50 Kilo registrieren (noch bis Anfang der 90er-Jahre waren 300-Kilo-Exemplare keine Seltenheit!), droht diese alte Tradition völlig zu verschwinden. Denn während die Hauptverantwortlichen für die maßlose Überfischung – die großen Fischtrawler – Hochseefroster, die eher schwimmenden Fischfabriken als Booten gleich und oft illegal unterwegs sind – nach wie vor den Löwenanteil der Fangquoten erhalten, hat das italienische Fischereiministerium den beiden einzigen noch verbliebenen Tonnaras in Sardinien zum wiederholten Male derart niedrige Fangmengen zugesprochen, dass die Mattanza sich wegen der hohen Personalkosten nicht mehr rentiert.

mattanza © Sardinien Intim (3)In den vorigen Jahren gab es jeweils nur eine Handvoll mattanzas. Denn die Betreiber sind gezwungen, den Großteil der gefangenen Fische lebend zu verkaufen – zum Beispiel nach Malta, wo sie mit Transportnetzen von Sardinien aus hingeschleppt, künstlich gemästet und später von den Maltersern geschlachetet werden. Und da geht der Daumen der Naturschützer natürlich wieder nach unten.

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Eine der letzten mattanzas ist als 6-Minuten-Reportage bei Deutschlandradio Kultur zu hören gewesen. Viel Spaß beim Eintauchen in die Welt der mattanza:

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