Nach uns die Sintflut: Demo für illegalen Hausbau

So sehr, wie die Italiener die ununterbrochene Kommunikation lieben, so beherzt treten sie auch bei Demonstrationen auf, für die es an Gründen nie mangelt. Das gilt ebenso für Sardinien, wo man den ‚Rest‘ Italiens selbstbewusst schlicht continente nennt.

Besonders beliebt sind dieser Tagen auch auf der zweitgrößten Mittelmeerinsel lautstarke Proteste gegen die rigide Sparpolitik der EU, die sich gegen Monti & Merkel richtet, zusammengefasst unter dem seltsamen Anglizismus Austerity (einem von vielen). Dabei gibt es im Italiensichen dafür einen eigenen Begriff, der auch noch fast identisch ist: austerità. Doch aus irgendeinem Grund kann sich daran niemand mehr erinnern.

Bei all diesem Schlammassel und der aufgeheizten Stimmung kam es einer bunten Truppe sicher gerade recht, mit ihren Tonnen-Trommeln und Trillerpfeifen ebenfalls vor das demo-erprobte Regionalparlament der Inselhauptstadt zu ziehen, um dort für etwas ganz Besonderes zu protestieren: die Illegalität.

Man musste sich schon die Augen reiben: Zwischen 500 und 1000 Menschen forderten völlig spudoratamente (schamlos), dass ihre Häuser, die nach Prüfung der Behörden illegal und nicht selten sogar direkt am Meer hochgezogen wurden, nicht mit Baggern abgerissen werden, wie es von der Staatsanwaltschaft angeordnet wurde. Als beliebteste Begründung nannte das „Volk der Gesetzwidrigen“, wie die  hiesigen Printmedien sie kommentarlos betiteln, dass die Häuser „zwar illegal seien, aber dennoch Häuser, die Menschen ein Dach über dem Kopf und außerdem Arbeit“ böten.

Wer glaubt, die Zahl der Demonstranten sei von Claqueuren frisiert, irrt. Allein zwischen der Provinzhauptstadt Nuoro und der Ostküste um Tortolì soll sich die Zahl illegal errichteter Bauten auf mehr als 2000 belaufen.

Das „Volk der Gestzwidrigen“ setzt nun alle Hoffnung in einen dynamischen Regionalparlamentarier aus der Ogliastra, der gerade einen Gesetzentwurf namens Blocca ruspe – „Bagger-Stopp“ – eingereicht hat. Der Provinz-Politiker stammt genau von jener Partei, deren Gründer sich über Jahre hinweg als Meister erwiesen hat, der Ahndung von Gesetzwidrigkeiten durch neue, mit eigener Mehrheit beschlossene Gesetze oder Verordnungen zu entgehen: Il Popolo della Libertà, das „Volk der Freiheit“ von Silvio Berlusconi.

Zu dumm nur, dass das Volk der Freiheit  ein Jahr nach dem Rücktritt seines Meisters und von Korruptionsskandalen gebeutelt gerade dabei ist, sich in seine Bestandteile aufzulösen.

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