Fettnäpfchen-Wetthüpfen

Einer der Hauptgründe, der Berlusconi so erfolgreich in der Politik werden lassen hat, ist, dass er sich keine Mühe gibt, seine persönlichen Ansichten zu verbergen – und sich dabei auch als Premierminister gern vom Motto leiten ließ: Je derber oder geschmackloser, desto besser. Seine frechen Behauptungen, er sei im Ausland beliebt wie – zumindest bis vor kurzem noch – bei einer Mehrheit der Italiener, obgleich man ihn dort für seine pubertäres Gebaren meist nur verspottete, hat bisweilen bizarre Züge angenommen – und füllte zusammen mit den Unverschämtheiten, mit denen er notorisch seine Wirklichkeit medial zurechtzubiegen versucht, Bibliotheken.

Dass auch Homophobie für Berlusconi etwas völlig Normales scheint, überrascht niemanden. Daraus hat der Mann, der sich selbst mal als “Jesus der Politik” bezeichnete, nie einen Hehl gemacht. Brauchte er ja auch nicht. Seine Landsleute sind ja in vielerlei Hinsicht als ausgesprochen tolerant bekannt.

Selbst auf dem Höhepunkt des Bunga-Bunga-Skandals, bei dem gegen den “Sultan der Po-Ebene” – damals noch Premierminister – wegen Sex mit einer Minderjährigen sowie Amtsmissbrauchs ermittelt wurde (das Prozessurteil soll kurz nach den italienischen Parlamentswahlen Ende Februar fallen), war einmal mehr seine Hybris größer als alles andere. Seine peinliche Lage versuchte er im November 2010 bei der Eröffnungsrede einer Messe bei Mailand mit folgenden Worten wegzuwitzeln: “Besser, sich für junge Mädchen zu begeistern, als schwul zu sein”.

Der Sprecher von Berlusconis Partei PdL  (Popolo della Libertà – Volk der Freiheit) in Sardinien, Paolo Trudu, hat vielleicht an diese Bemerkung gedacht, als er auf seinem Facebook-Account eine Aussage kommentierte, die kurz zuvor Apuliens Ministerpräsident Nichi Vendola zu Kandidatur-Bestrebungen eines PdL-Politikers aus Apulien gemacht hatte, gegen den wegen Mafia-Delikten ermittelt wird. Es “riecht bei den Rechten nach Camorra”, sagte Vendola, Chef der Partei SEL (Sinitra, Ecologia, Libertà – Linke, Ökologie und Freiheit) – und Italiens erster homosexueller Ministerpräsident. Trudus Replik: aus der Ecke von Vendolas “Linken” steige der “Geruch obszönen Schwuchteltums” auf.

Nachdem der Fall vom Brenner bis zur Stiefelspitze die öffentlichen Gemüter erhitzte, hat Trudu sich bei Vendola für seinen Satz entschuldigt – unter anderem mit der Rechtfertigung, er habe dies in einem “Anfall von Wut” gesagt, so der Profi-Sprecher. Immerhin: Zwei Jahre nach Berlusconis boshafter Blödelei bei der Mailänder Messe fühlt man sich beim Volk der Freiheit inzwischen offenbar frei genug, sich von derlei Dämlichkeiten sofort zu distanzieren. Die PdL-Parteioberen Sardiniens baten Vendola dafür öffentlich um Entschuldigung.

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