Magie zwischen Wellen- und Schneebergen

Eichen im blattlosen Winterkleid, hier bei Mondschein oberhalb von Desulo dramatisch in Szene gesetzt von Ivan Pedretti.

(…) Und an den Bergen hing die Nacht.
Schon stund im Nebelkleid die Eiche
Wie ein getürmter Riese da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah schläfrig aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr.
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch tausendfacher war mein Mut,
Mein Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloss in Glut. (…)

Tief in den Süden führte ihn die Italienreise zwischen September 1786 bis Mai 1787 – über den Brenner, Florenz, Siena, Rom und Neapel bis nach Sizilien, wo er eine große Schleife über die ganze Insel drehte. Doch sardischen Boden hat Goethe nie betreten. Was ist der Literatur da wohl verloren gegangen? Vor allem, wenn Deutschlands Dichterkönig die Barbagia gesehen hätte?

Verschneite Berge bei Desulo. Foto: Ivan Pedretti

Verschneite Berge bei Desulo. Foto: Ivan Pedretti

Goethe hätte seine Freude allein schon am Menschenschlag der Barbagia gehabt, einzigartig auch rund 250 Jahre, nachdem er “Willkommen und Abschied” schrieb, das zu seinen berühmtesten Gedichten zählt (und zu dem ihn als 22-jähriges Genie neben den elsässischen Felsen und Bäumen auch eine blutjunge Pfarrerstochter aus Sessenheim inspirierte). Denn die Barbagia, die zu Europas am dünnsten besiedelten Regionen zählt, ist bis heute eine der urtümlichsten Gegenden geblieben, in der sich zahlreiche archaische, atavistische Riten bewahrt haben und noch immer ganz eigene Gesetze gelten.

Mit rund 1250 Metern höchster Straßenpass Sardiniens: der Passo Stascurì  Foto: Pedretti

Mit rund 1250 Metern höchster Straßenpass Sardiniens: der Passo Tascurì Foto: Pedretti

Im Winter bieten viele Landstriche der Barbagia, die selbst sommers häufig nur von Schäfern und einigen wackeren Trekkern aufgesucht werden, zudem Reize, die kaum jemand auf der zweitgrößten Mittelmeerinsel vermutet: Schnee und sogar ein Skilift, der sowohl, was seine museale Technik als auch die Steilheit seiner zwei jeweils einen Kilometer langen, roten Pisten betrifft, unverhoffte Genüsse beschert. Und dies alles fast in Steinwurfentfernung von einem Meer, das bisweilen noch warm genug ist, um am selben Tag eine schöne Neuschnee-Abfahrt und ein erfrischendes Bad ermöglichen.

Straße von Fonni zum Bruncu Spina, Februar

Die Straße zum Bruncu Spina, Februar. Foto: Lüdeke

Es ist keine Seltenheit, dass das Pistenbulletin des Bruncu Spina, dem mit 1829 Metern zweithöchsten Berg Sardiniens fünf Kilometer von Fonni entfernt, sich mit “Schneehöhe 80-240 cm, Qualität: Neuschnee” wie Wintertraum anhört, doch weder Lift, Skiverleih noch Skihütte geöffnet sind und auch die Straße unter Umständen wegen bis zu fünf Meter hoher Schneeverwehungen geschlossen ist. Was vor allem daran liegt, dass die rund 20 aktiven Mitglieder des Skiclubs Fonni die gesamte Anlage ehrenamtlich und unentgeltlich betreuen und schlicht als Löffelbiscuit-Konditoren (einer Spezialität aus Fonni), Polizisten oder Schmiede verbringen. Mit Tourenskiern erledigt sich das Problem von selbst.

Wer sich akustisch einen Eindruck vom Skifahren am Bruncu Spina verschaffen will, kann sich hier eine elfminütige Radio-Reportage anhören, die Blogautor Ulf Lüdeke für den Bayerischen Rundfunk gemacht hat.

 

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