Die magnetische Schönheit digitaler Mestizen

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Sardische Künstler, Musiker, Journalisten und Freunde, verschmolzen zu digitalen Mestizen. Alle Fotos © fiorsa

Viele Einheimische halten Villanova nach der Verkehrsberuhigung und Häusersanierung für das schönste historische Altstadtviertel, das Cagliari hat. In Villanova wiederum halten viele die Bar Florio für den szenigsten Treffpunkt. Gelegen an der verträumten Piazza San Domenico, ist die kleine Bar, kaum hat sie vor zwei Jahren die Türen geöffnet, schnell auch zu einem gefragten Lokal für kleine Kunstausstellungen geworden.

Normalerweise sind die Exponate eher klein, die dort hängen. Nicht aber in diesen Tagen. Selbst Zufallsbesucher der Bar bleiben stehen von der 1 x 1 Meter großen Farbportraits, an denen auf faszinierende Weise ein paar Dinge anders sind als bei anderen Portraits. Denn die Personen, die auf den Fotografien von Fiorella Sanna zu sehen sind, gibt es in Wirkichkeit nicht.

Ein Auge blau, das andere braun, eins schwarz, das andere grün… Mydriasis, eine einäugige Pupillenerweiterung, vielleicht traumatischen Urpsrungs wie bei David Bowie, die durch eine Schlägerei in jungen Jahren irreversibel wurde?

Assolutamente no!

Beim etwas genauerem Hinsehen entpuppen sich die Brauen unterschiedlich. Aus den Portraits von Fiorella Sanna (Instagram, flickr) lösen sich, so scheint es, plötzlich zwei verschiedene Personen… Und wer sich Zeit nimmt und noch genauer hinschaut, wird noch viel mehr entdecken. Nämlich Details von fünf veschiedenen Gesichtern in jedem Bild. Kinn, Mund, Auge um Auge, Nase – alles stammt von völlig verschiedenen Personen.

Fast alle sind Sarden. Freunde der Fotografin, Künstler, Journalisten, Musiker, darunter auch Sardiniens Star-Jazz-Trompeter Paolo Freu, die sardische Band Sikikitis, Jazz-Pianist Stefano Vollani oder die Schriftstellerin Lorella Zanardo. Insgesamt 120 Portraits, die durch ein Projekt entstanden sind, das Fiorella mit Francesca Madrigali, einer befreundeten Journalistin, 2013 initiiert hat und das sich gegen Femizid richtet. Frauenmord.

Knapp drei Jahre später kam der Fotografin, die Idee, eine Neuauflage zu wagen, die statt Verletzungen, digital erzeugt, den Schwerpunkt auf die Mischung verschiedener Menschen zeigt: digitale Mestizen. “Ich wollte für die neue Variante keine Picasso-Monster schaffen, sondern eine neue Mischung aus verschiedenen Menschen. Eine Art Mestize. Etwas, das Verschiedenheit ausdrückt. Bereichert. Dialoge eröffnet. Ich fühle mich selbst als Mestize, denn meine Mutter stammt aus Messina in Sizilien.”

Und so wurde – drei Jahre nach der Ausstellung “Uccidi anche me” (Töte auch mich) die Ausstellung “The B-Side” geboren.

Fotografische Werke, deren natürliche Künstlichkeit verblüfft, deren Plastizität fesselt, deren verwirrende Schönheit den Wunsch nach Vielfalt weckt.

Zu sehen bis Ende Februar 2016 in der Bar Florio (Via San Domenico 90, Cagliari)

 

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