Der Papst und das eintägige Wunder der SS 131

Der Nachfolger von Benedikt XVI. ist mächtig. Papst Franziskus löste mit aus katholischer Sicht überraschend aufgeklärten Bemerkungen zu Abtreibung, Homosexualität und Scheidung während eines Interviews mit der Jesuiten-Zeitschrift „La Civiltà Cattolica“ drei Tage vor seinem Besuch in Cagliari nicht nur Ver- und Bewunderung  in globalem Maßstab aus, sondern weckte sogar die sardische Abteilung des staatlichen Verkehrsamtes ANAS aus seinem Tiefschlaf.

Ewige Baustelle und Sinnbild straßenbautechnischer Inkompetenz: Die SS 131, Sardiniens Hauptverkehrsader

Sinnbild straßenbautechnischer Inkompetenz: Die SS 131, Sardiniens Hauptverkehrsader

Selbst der argentinische Pontifex hätte dies allerdings nicht ohne weltliche Hilfe vermocht – in diesem Fall jener des Bürgermeisters von Serrenti, dessen Verwaltungsgebiet am morgigen 22. September direkt betroffen sein wird vom Ansturm Zehntausender katholischer Pilger, die ihr Oberhaupt in Cagliari am einfachsten per Auto erreichen können. Für einen nicht unbedeutenden Teil der 350.000 erwarteten Pilger führt der kürzeste Weg über die SS 131.

SS steht für „Superstrada“ – eine autobahnähnliche, aber gebührenfreie Straße. Die Nummer 131 ist mit 230 Kilometern Sardiniens längster und mit Abstand wichtigster Verkehrsweg. Die Hauptverkehrsader zwischen Porto Torres im Norden und Cagliari im Süden wurde vor knapp 2000 Jahren von den Römern gebaut.

Doch die staatliche Straßenbaubetriebsgesellschaft ANAS (Azienda Autonoma Nazionale delle Strade) wusste mit dem Erbe der Erfinder des Straßenbaus nicht viel anzufangen. Knapp 70 Jahre nach der Gründung der Aufsichtsbehörde fallen die 230 Kilometerchen der SS 131, im Volksmund schlicht centotrent’uno (Hunderteinunddreißig) genannt, vor allem durch eines auf: ewige Baustellen.

Da kam einigen Gemeinde-Päpsten jetzt gerade recht, auf die Dauermisere von Baustellen auf der SS 131 hinzuweisen. Vor allem geht es um Löcher im Asphalt, ausreichende und eindeutige Beschilderung, Sauberkeit am äußeren Fahrbahnrand und der Sicherung der Baustellenbereiche, die schnell für viele Jahre eröffnet werden mit drastischen Geschwindigkeitsbeschränkungen über etliche Kilometer. Und noch schneller wieder verwaisen, ohne das die Bauarbeiten beendet worden sind.

Geteert und gefedert wurde das ANAS nun von Politikern und Medien für die Ankündigung, eine Nadelöhr-Baustelle bei Serrenti auf Vordermann zu bringen, die seit Jahren die Geduld der Autofahrer strapaziert – als einmalige, auf Serrenti und den Papstbesuch beschränkte Aktion. Da wäre es vielleicht doch sinnvoller gewesen, wenn man das Geld nicht in die Straße, sondern ins heruntergekommene, seit zwei Jahren baupolizeilich gesperrte Fußballstadion von Sant’Elia gesteckt hätte, in dem eigentlich schon längst wieder Sardiniens einziger Erstliga-Club Cagliari Calcio spielen sollte, ätzte ein Kommentator der Insel-Postille L’Unione Sarda. 

Nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte sich hier zuvor auch die königliche Straßenbauverwaltung, die sich vor dem ANAS um Sardiniens wichtigste Verkehrsader kümmerte, woran noch heute der Namenszusatz Carlo Felice (Karl Felix von Sardinien-Piemont) erinnert. Nur im letzten Moment konnte beispielsweise verhindert werden, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts der knapp 3000 Jahre alte Heilige Brunnen von Santa Cristina bei Paulilatino, der zu den imposantesten antiken Bauwerken der ganzen Insel gehört, für immer unter einer dicken Asphaltdecke verschwand (hervorragend zu erkennen bei Google Earth, 40°03′ 41.01“N, 8°43′ 58.24“O).

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