Überfall auf SS 131: Wachleute im Kugelhagel Zeitung: “Die Räuber gaben ihr Bestes”

Screenshot der Website von L'Unione Sarda

Screenshot der Website von L’Unione Sarda

Selbst das öffentliche Fernsehen kennt in Italien bei der Berichterstattung über Verbrechen in Sachen Detailversessenheit keine Gnade, beherzt nach dem Motto: je ätzender, desto detaillierter und zentraler die redaktionelle Bearbeitung. Auf dass auch die zum Zuschauer-Appendix verdammten Kleinsten, die in vielen Familien zur Prime-Time beim Mittags- und Abendessen der Glotze nicht entkommen können, ja nichts verpassen von Überfällen, Vergewaltigungen und Massakrierungen, stets als Spitzenmeldung serviert. Und – soweit ungeklärt – nicht etwa als “bestialische Tat” deklariert, sondern mit dem Adjektiv giallo (‘gelb’) verziert, was im Belpaese für ‘Krimi’ steht. Die Farbe Gelb wurde in Italien zum Synonym für das Literatur- und Filmgenre des Krimis, nachdem der Mailänder Verlag Mondadori Ende der 20er-Jahre eine Krimi-Reihe mit dem Namen Il Giallo Mondadori veröffentlichte – mit einem stets gelben Buchumschlag.

Die sardischen Medien sind dem giallo vielleicht sogar noch etwas hemmungsloser und devoter verfallen als jene in die meisten anderen italienischen Regionen. Vielleicht, weil es sie nach publizistischer Kompensation dürstet, nachdem die nicht selten bürgerkriegsähnlichen Blutrache-Fehden in der Barbagia und Entführungen für Lösegelderpressungen (endlich!) abgeflaut sind und eine nennenswerte organisierte Kriminalität hier zumindest kaum Spuren hinterlassen hat?

Einen Beweis für die sardische Sonderrolle lieferte jedenfalls neben dem ungekrönten Giallo-König L’Unione Sarda aus Cagliari nun zur Abwechslung auch mal La Nuova Sardegna aus Sassari. Corpus Delicti ist der Bericht zu einem zweifellos filmreifen Raubüberfall auf einen Geldtransport, geschehen am vorigen Freitag auf Sardiniens ewiger Dauerbaustelle – der zweispurigen SS 131, die 40 Kilometer nördlich von Cagliari zwischen Serrenti und Sanluri über mehrere Kilometer auf eine Spur zurückgebaut ist.

Die nackten Fakten in einem Satz: Bis zu zehn maskierte, mit insgesamt fünf Fahrzeugen operierende Räuber blockieren diagonal mit einem gestohlenen Sattelschlepper zwei Geldtransportern den Weg, springen aus den Fahrzeugen, schießen mit Schnellfeuerwaffen auf die Fahrerkabine, in der drei Wachleute sitzen, die nicht verletzt werden, erbeuten 6 Millionen Euro und fliehen unerkannt.

Hier ein paar nackte Zitate zum Geschehen von La Nuova Sardegna:

“Die Räuber machen Bingo: 6-Millionen-Beute” (Textanfang auf Webpage)

“Zehn Gold-Männer überfallen Geldtransporter auf der SS131 und flüchten mit Rekord-Beute in Millionenhöhe” (Überschrift auf Webpage)

“(…) und gaben rund 20 Schüsse ab, um die Wachleute dazu zu bewegen, keinen Widerstand zu leisten. Und so war es (…)”

“(…) echte Profi-Verbrecher, die ihr Bestes gegeben haben (…).” (Beginn der Reportage in der gedruckten Ausgabe)

Buon appetito!

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