Zankapfel im Paradies des Maddalena-Archipels

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Mauro Morandi an seinem Lieblingsplatz am rosa Strand von Budelli.                 Fotos: Ulf Lüdeke

Kein Auto, keine Straße, nur ein winziges Haus ohne Wasser- und Stromanschluss  – dafür aber 1,6 Quadratkilometer betörend duftende, mediterrane Macchia mit wilden Pistazien, Orchideen und Narzissen, die felsige Buchten säumen, an denen Strandlilien ihre schneeweißen Blüten über rosafarbenem Sand entfalten: Mauro Morandi muss auf sein Paradies nicht hoffen. Er hat es längst gefunden, und zwar auf Budelli, einem winzigen Eiland an den Boche di Bonifacio im Maddalena-Archipel zwischen Sardinien und Korsika.

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Gilt als Juwel des Maddalena-Archipels: die Isola di Budelli

Morandi sieht ein bisschen aus wie der zopflose Bruder von Country-King Willie Nelson. Vor 26 Jahren strandete der Modenese hier mit einem Segelboot. Ein Aussteiger auf dem Weg nach Polynesien, der mit der Gesellschaft gebrochen hatte. „Ich wollte meinen Augen nicht trauen, als ich, gerade mal einen Tag unterwegs, in der Meerenge von Bonifacio plötzlich den Rosa Strand von Budelli sah. Die Südsee im Mittelmeer“, sagt Morandi.

Wie es der Zufall wollte, packte an jenem heißen Sommertag 1989 gerade der alte Inselwächter seine Klamotten, weil dessen Frau es dort nicht mehr aushielt. „Inselkoller“, grinst Morandi. Was des einen Leid, ist des anderen Freud: Morandi bewarb sich – und ist seitdem der einzige Bewohner und Inselwächter von Budelli.

Viel hat der drahtige, ehemalige Sportlehrer seit dem erlebt (siehe Link zur Reportage von Blog-Autor Ulf Lüdeke, Deutschlandradio Kultur). Zunächst Tausende Besucher, die in den 90er-Jahren täglich den idyllischen rosa Strand überschwemmten, den Michelangelo Antonioni in seinem ersten Farbfilm „Die rote Wüste“ (1964) mit Richard Harris und Monica Vitti berühmt machte. „Und fast vollständig ruinierten“, ergänzt Morandi: „Sie haben den rosa Sand kiloweise in Plastikflaschen, Badetaschen und Tüten von der Insel geschleppt. Bis nichts mehr davon übrig war.“

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Der glücklichste Robinson des Mittelmeers: Mauro Morandi

Die Lage begann sich zu ändern, als die Region Sardinien das gesamte Maddalena-Archipel 1994 als Nationalpark auswies – und ein völliges Zutrittsverbot für den rosa Strand von Budelli erließ, die stets in Privatbesitz war. Bis vor zwei Jahren der Eigentümer pleite ging – und die Insel bei einer Zwangsversteigerung unter den Hammer kam. Erst, nachdem der neuseeländische Investor und Umweltaktivist Michael Harte Ende 2013 die Insel, durch Naturschutzrichtlinien mit einem totalen Bauverbot belegt, für knapp 2,9 Millionen Euro ersteigert hatte, regte sich öffentlicher Widerstand, mobilisiert durch Ex-Umweltminister Alfonso Pecoraro Scanio (SEL – Sinistra, Ecologia, Libertà).

Binnen kürzester Zeit mobilisierte Scanio mehr als 100.000 Unterschriften auf der Internetplattform change.com und schaffte es so, die Regierung in Rom davon zu überzeugen, 2,9 Millionen Euro dem Nationalpark zur Verfügung zu stellen, um das Vorkaufsrecht nachträglich einzuklagen, das ihm theoretisch zusteht. Im Oktober 2014 entschied das zuständige sardische Gericht in Tempio Pausania, dass der Nationalpark sein Vorkaufsrecht für Budelli geltend machen kann. Der Park bezahlt 2,9 Millionen Euro an den neuseeländischen Millionär. Zum ersten Mal befand sich seitdem Budelli, die als Juwel des Maddalena-Archipels gilt, in öffentlichem Besitz.

Im April 2015 machte allerdings der Consiglio di Stato (wörtlich übersetzt: Staatsrat – eine Institution in Rom, die mit dem Bundesverwaltungsgericht vergleichbar ist) dem Nationalpark einen Strich durch die Rechnung, nachdem Michael Harte gegen den Entscheid des Gerichts in Tempio Pausania Einspruch eingelegt hatte. Demzufolge hätte der Nationalpark zwar auch nachträglich das Vorkaufsrecht geltend machen können, hatte diese Chance jedoch verwirkt, da er eine zentrale Bedingung dafür nicht erfüllt hatte: die von der Parkverwaltung beantragte Ausweisung eine Schutzprogramms für den Nationalpark durch die Landesregierung Sardinien.

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3000 Touristen überschwemmten einst den rosa Strand pro Tag. Heute darf ihn niemand mehr betreten. Auf die Insel kommen inzwischen nur noch 1000 Touristen pro Saison.

Wie eine Bombe schlug Ende voriger Woche die erst für 2017 erwartete rechtliche Würdigung des Gerichts aus Tempio Pausania zur Entscheidung des Consiglio di Stato ein – vor allem, weil das Gericht bekannt gab, die Entscheidung aus Rom nicht anfechten zu wollen. Dadurch gilt nun Michael Harte offiziell als rechtmäßiger neuer Besitzer von Budelli und hat 60 Tage Zeit,  die Summe von 2,9 Millionen Euro nun wieder dem Park zurückzuverweisen. Harte hatte bereits 2013 nach dem Kauf von Budelli erklärt, er wolle die Insel gemeinsam mit Hochschulen und der Parkverwaltung, der die Naturschutzrichtlinien obliegen, zu einer limitiert zugänglichen Naturschutz-Oase mit einer maritimen Forschungsstation entwickeln.

 

Abgesehen davon, dass nun politische Forderungen nach ein Enteignungsdekret zu Gunsten des Nationalparks laut werden, bleiben zwei dubiose Dinge völlig unklar. Zu einem betrifft das den Antrag der Nationalparkverwaltung auf ein Schutzprogramm, der laut Medienberichten seit Jahren in den Schubladen der Landesregierung verschwunden sein soll. Zum anderen hat ausgerechnet das Verwaltungsgremium des Nationalparks die höchste Naturschutzstufe für Budelli, die jede Baumaßnahme untersagt, erst vor kurzem auf ein allgemeines Niveau herabgestuft – mit „qualifizierter Minderheit“ und gegen den Willen der Nationalpark-Direktion. Der entscheidende Anstoß dazu soll aus der Landesregierung gekommen sein.

Mauro Morandi hingegen kann nun wieder die Stille genießen, die im Sommer lediglich von 1000 Gästen unterbrochen wird, die er für einen Kurzbesuch auf die Insel lässt – nicht pro Tag, sondern über die gesamte Saison. Sein Lieblingsplatz ist ein alter Baumstumpf direkt am rosa Strand, wo er jeden Abend hinaus auf die Bucht blickt, in deren kristallklarem Wasser sich bei Windstille sogar das Sternbild des Orion spiegelt. „Hier merke ich jeden Tag, das ich lebe.“

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