Italiens eleganteste Modenschau

Sant'Efisio

 

Buon primo maggio, wünsche ich dem Fleischer meines Vertrauens im Marina-Viertel am Abend des 30. April – und drehe mich beim Hinausgehen innehaltend um, als er, die Stimme beim ersten “i” betont nach oben ziehend, antwortet: Buon Sant’Efisio! 

Der ‘Tag der Arbeit’, soviel ist sicher, hatte in Cagliari nie eine echte Chance. Und das liegt der Geschichtschronik zufolge an einem in Jerusalem geborenem, römischen Soldaten, der sich am 15. Januar 303 in Nora den Kopf abschlagen lassen musste. Der Mann, Leibwächter von Kaiser Diolektian, konvertierte zum Christentum, weil er kurz zuvor in den Wolken über Sardiniens Küste ein leuchtenden Kreuz entdeckt haben wollte. Außerdem berichtete er von einer Stimme, die ihm prophezeit habe, dass er wegen seiner Beteiligung an der Christenverfolgung als Märtyrer sterben werde. Wovon unglücklicher Weise seine Christen verfolgenden Vorgesetzten Wind bekamen, die ihn Cagliari folterten und dann in Nora hinrichteten, nachdem er kurz vor dem Tod gelobt hatte, Cagliari zu helfen. Als 1652 die Pest im damals unter spanischer Flagge regierten Cagliari wütete, flehten die Stadtoberen in ihrer Verzweiflung den Märtyrer um Hilfe an und gelobten, ihm zu Ehren fortan Jahr für Jahr eine Prozession vom Ort der Gefangenschaft in Cagliari bis zum 30 Kilometer südlich liegenden Nora und zurück zu veranstalten.

Die Prozession hat sich seit 1656, als die Pest besiegt wurde, zum wichtigsten Volksfest Sardiniens entwickelt. Was vor allem an zwei Dingen liegt: Zum einen wird Sant’Efisio nicht nur von den Hauptstädtern gefeiert, sondern von knapp einem hundert Abordnungen aus den insgesamt 377 sardischen Dörfern begleitet. Zum anderen sind genau diese Abordnungen die größte Attraktion des Festes überhaupt: Knapp 100 verschiedene Dorfgemeinschaften, die sich auf und um einen eigenen, prächtig mit Blumen geschmückten, von Ochsen gezogenen Karren drapieren und ihre von Ort zu Ort unterschiedlichen Trachten bei einem drei Stunden dauernden Umzug durch Cagliaris Altstadt zur Schau stellen.

Für einen gebürtigen Ex-Zonenrandler aus der südöstlichen Tiefebene Niedersachsens, der aus einer jungen Industriestadt kommt, deren Geschichte mit Ferdinand Porsche Brezelfenster-Käfer begann, war die Wucht der Formen, Farben und Materialien der Trachten ein Schock (ein durch und durch angenehmer, wohlgemerkt, der öfter als in allen anderen italienischen Regionen auch Zuschauer in seinen Bann zieht, die sich überhaupt nichts aus Folklore und Trachten machen). Und das hat sich bis heute nicht geändert. Denn an keinem anderen Tag in keinem anderen Ort kann man auch als Durchreisender besser beobachten, was für ein gediegenes, schönes und frohes Volk die Sarden sind, ganz gleich ob Mann und Frau oder Alt und Jung. (Fotograf der Bildgalerie unten: Prince Amedeo)

Und auch, wenn der 1. Mai vorbei ist, ist es das Fest noch lange nicht. Denn nach der Prozession am 1. Mai zieht eine kleine Pilger-Karawane mit der Statue des Heiligen Efisio zu Fuß bis ins 40 Kilometer entfernte Nora, wo er zwei Tage lang unter anderem auch mit einer Prozession direkt am Meer gefeiert wird, ehe er am 4. Mai wieder in die Hauptstadt am Golf der Engel zurückkehrt, in der bis zu diesem Tag üppige kulturelle Begleitprogramme angeboten werden.

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