Sardinien in Sorge: Insel bald Italiens einziges atomares Endlager? Luigi Di Maio: „Das wäre unökonomisch“

Geht Sardinien einer strahlenden Zukunft entgegen? Die Zentralregierung in Rom entscheidet in den nächsten Tagen, ob auf der Insel Italiens zentrales atomares Endlager errichtet werden soll. Foto (Frachter vor der Küste Calasetta) © Ivan Pedretti

Seit Monaten ringt die italienische Regierung aus der linkspopulistischen Protestbewegung „5 Sterne“ und fremdenfeindlicher Lega um eine heiße Frage, die für Sardinien als Katastrophe enden könnte: Soll die Insel künftig Italiens einziges Endlager für atomare Abfälle werden?

„Es wär unökonomisch, Schiffe mit den Abfällen vo“, sagte jetzt Italiens Vizekanzler und 5-Sterne-Chef Luigi di Maio bei einem Besuch am Samstag in Cagliari, berichtet die Zeitung „L’Unione Sarda“. Di Maio schließe aus, dass Sardinien Endlager werde, sagte er vor der Presse in der Inselhauptstadt. Das zuständige Dekret sei noch in der Entscheidungsfindung des zuständigen Ministeriums, si Di Maio.

Ein absurdes Gezerre um ein Gesetzesdekret könnte noch in dieser Woche mit einem Paukenschlag für Sardinien enden – und zwar mit dem Beschluss, ausgerechnet in dem weitgehend naturbelassenen Urlaubsparadies das künftig einzige große, zentrale und oberirdische Lage von radioaktiven Abfällen in Italien zu errichten. Über die Entscheidung wird nun seit mehr als einem Jahr gerungen. Allerdings kam nach den Wahlen im März 2018 der Regierungswechsel dazwischen, der sich bis Juni hinzog.

Konkret geht es um die Auflösung von rund 20 Endlagern radioaktiven Mülls, die derzeit über das gesamte italienische Festland verteilt sind. Dort sollen nach Angaben von „La Repubblica“ aktuell bis zu 30.000 Kubikmeter radioaktiven Mülls lagern.

Die Regierung in Rom plant, von 2019 bis 2025 für 1,5 Milliarden Euro ein einziges, zentrales Endlager zu schaffen. Dort sollen die für die nächsten Jahre prognostizierten insgesamt 90.000 Kubikmeter radioaktiven Mülls gelagert werden. Sardinien gilt vor allem wegen der geringen seismischen Aktivität bei Fachleuten als besonders geeignet für die Endlagerung.

Nicht nur die Sarden, deren Regionalregierung die Endlagerung bereits 2015 und in einer erneuten Stellungnahme auch im vorigen Jahr offiziell ablehnte, sondern auch die anderen 19 Regionen wollen mit radioaktiven Materialien am liebsten nichts zu tun haben. Bereits 1987 stimmten die Italiener in einem Referendum dafür, die vier Atomkraftwerke des Landes stillzulegen, was dann auch umgesetzt wurde. Der neu hinzukommende Müll soll aus Forschungseinrichtungen und Krankenhäusern stammen.

Sardinien, das vor allem wegen seiner ausgedehnten Korkeichenwälder (hier Link zu einer Deutschlandradio-Kultur-Reportage über die einzigartigen Korkwälder Sardiniens)  sowie der Unterwasserfauna- und flora zu den artenreichsten Gegenden Europas zählt, hat bereits eine langjährige Erfahrung mit der Gegenwart von Nuklearmaterial. Rund dreieinhalb Jahrzehnte hatte die US-Navy Atom-U-Boote auf dem Stützpunkt im Maddalena-Archipel stationiert. Die Schiffe wurden Anfang 2008 endgültig abgezogen. Immer wieder hatten die Sarden gegen die Atom-U-Boot-Basis protestiert. 2003 war es sogar zu einem Unfall gekommen. Eines der Atom-U-Boote war in der Nähe der zum Maddalena-Archipel gehörenden Insel Caprera auf ein Riff aufgelaufen und schwer beschädigt worden.

Vor allem in Bezug auf das Militär fühlen sich die Sarden seit Jahrzehnten missbraucht von der Zentralregierung. Es gibt mehrere große Nato-Trppenübungsplätze auf der südlichen Hälfte der Insel, so bei Capo Teulada im Südwesten. Vor allem der Nato-Schießplatz Salto di Quirra sorgt seit Jahrzehnten für Schlagzeilen. Obwohl dort großräumige schwere Kontaminierungen des Bodens mit hochgradig krebserregenden Substanzen wie Thorium durch das Verschießen von uranhaltiger Munition nachgewiesen sind, die zu einer extrem erhöhten Krebsrate mit zahlreichen Todesfällen geführt hat, hat sich an der Destination des Schießplatzes bis heute nichts geändert.

Erfolgreicher konnten sich die Sarden Ende der 60er Jahre gegen die Errichtung eines Truppenübungsplatzes auf dem Hochplateau Pratobello in der Barbagia bei Orgosolo zur Wehr setzen. In einem friedlichen Aufstand zogen Tausende Sarden, darunter vor allem Hirten, deren Weidegründe im Pratobello liegen, gegen die anrückenden Truppen zu Felde. Der öffentliche Druck wurde so groß, dass das Militär den Plan aufgeben musste, das Land zur militärischen Sperrzone zu erklären.

Die Ausbeutung der Sarden durch das italienische Festland hat eine lange Geschichte, die kurz nach der Einigung Italiens 1861 mit einem verheerenden Kahlschlag Jahrtausend alter Eichenwälder begann. Die alten Riesen fielen, um zu Eisenbahnschwellen verarbeitet zu werden – für das Schienennetz auf dem „Continente“, wie die Sarden das Festland nennen. Oft hat die Ausbeutung und Bevormundung heftige Widerstände hervorgerufen, die sich jedoch nie zu einer ernsthaften Unabhängigkeitsbewegung bündeln konnte, wie beim Inselnachbarn Korsika, in Katalonien oder Schottland der Fall gewesen ist.

Sollte Rom Sardinien allerdings wirklich zum atomaren Endlager der Nation machen, hätten die Italiener neben Anhängern der rechtsnationalen Lega, die in der reichen Po-Ebene am liebsten einen unabhängigen Staat „Padanien“ gründen würde, eine zweite Sezessionsbewegung sicher.

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