Proteste angekündigt: Italiens Regierung legt 14 Orte in Sardinien als potentielle Endlager für Atommüll fest

Geht Sardinien einer strahlenden Zukunft entgegen? Sardinien zählt seit dem 5. Januar 2021 offiziell zu den sechs italienischen Regionen, die als potentielles Endlager für radioaktive Abfälle in Frage kommen. Foto (Frachter vor der Küste Calasetta) © Ivan Pedretti

Cagliari, 6. Januar 2021. Schock für Sardinien: Italiens Regierung stuft die zweitgrößte Mittelmeerinsel als eine von sechs der insgesamt 20 Regionen des Landes ein, die sich für die Schaffung eines nationalen Endlagers von Atommüll eignen. Ein entsprechendes, bislang streng unter Verschluss gehaltenes Regierungsdokument wurde in der Nacht zum Dienstag bekannt, berichtet die sardische Zeitung L’Unione Sarda.

Sardiniens Parteien von links bis rechts kündigen Widerstand an

Noch am Dienstag kündigten die wichtigten Parteien vom linken bis zum rechten Spektrum auf Sardinien ihren Widerstand gegen eine mögliche Entscheidung für die Insel als nukleare Endlagerstätte an. Sardiniens Regierungschef Christian Solinas (Partito Sardo d’Azione) sprach von einem “x-ten Akt der Arroganz und Machtmissbrauch eines Staates und einer Regierung, die überhaupt keinen Respekt haben für die Insel”, die mit einem Referendum und einem regionalen Gesetz sich “definitiv und unabänderlich” gegen die Endmülllagerung ausgesprochen hätten, zitiert L’Unione Sarda Solinas.

Die am Dienstag veröffentliche Karte der SOGIN mit den auf Sardinien erkundeten potentiellen nuklearen Endlagerstätten.

Als potentielle Endlagerstätten werden bei der Suche in dem Regierungsdokument nun offiziell 14 Orte auf Sardinien östlich der Campidano-Tiefebene in den Provinzen Oristano und Süd-Sardinien liegen. Die von der SOGIN (Società Gestione Impianti Nucleari – Gesellschaft für den Betrieb der nuklearen Anlagen) auserkorenen Gebiete, die als Endlagerstätte in Frage kommen und sich oft über etliche Hundert Hektar pro Lagerstätte erstrecken, verteilen sich auf folgende 22 Ortschaften: Siapiccia, Albagiara, Assolo, Usellus, Mogorella, Villa Sant’Antonio, Nuragus, Nurri, Genuri, Setzu, Turri, Pauli Arbarei, Tuili, Ussaramanna, Gergei, Las Plassas, Villamar, Mandas, Siurgus Donigala, Segariu, Guasila und Ortacesus.

Zu den weiteren italienischen Regionen mit potentiellen Endlagern zählen neben Italiens beliebtester Urlaubsregion Toskana auch Piemont, Latium, Apulien, die Basilikata und Sizilien.

Seismische Inaktivität Sardiniens spricht für Endlager

Die Vorauswahl soll als Grundlage für die Entscheidung dienen, wo das nationale Atommüll-Endlager errichtet werden soll. Bei den atomaren Abfällen handelt es sich um radioaktives Material niedriger bis mittlerer Aktivität. Die Insel sitzt auf einem festen Granitsockel fernab von tektonischen Platten und gilt als erbebensicher.

Derzeit gibt es keine aktiven Atomkraftwerke in Italien. 1990 war die letzte Anlage abgeschaltet worden. Insgesamt waren vier Kernkraft zwischen 1982 und 1990 am Netz. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 hatten die Italiener mit einer Volksabstimmung den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Die vierte Regierung von Silvio Berlusconi hatte 2008 den Wiedereinstieg mit dem Bau von drei neuen Kernkraftwerken beschlossen. Nach dem Tsunami-Unfall von Fukushima 2011 setzte die Regierung Berlusconi den Bau für ein Jahr aus. 2012 besiegelte eine erneute Volksabstimmung das Ende des atomaren Wiedereinstiegs.

Endlagerentscheidung soll noch 2021 fallen

Bislang lagern die radioaktiven Abfälle “in rund 20 provisorischen Plätzen, die nicht für eine Endlagerung geeignet sind”, wird aus der “Carta nazionale delle aree potenzialmente idonee” (Cnapi) zitiert.

Insgesamt sollen in der “Cnapi” 67 Areale genannt werden, die nicht alle gleich in Bezug auf ihre Eignung seien. Mit der Bekanntgabe der Ort solle nun offiziell eine zweimonatige Debatte eingeleitet werden, der sich dann für vier Monate eine weitere Erörterungsphase anschließe, bei der sowohl die Öffentlichkeit als auch die lokalen Ämter in die Entscheidungsfindung mit einbezogen würden.

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